Neulich antwortete ich auf die Frage, ob Fleischkonsum für mich auch nicht vertretbar wäre, wenn die verwerflichen Haltungs- und Schlachtungsmethoden nicht existent wären. Hier meine Antwort:
Wir wissen, dass wir töten müssen, um selbst zu leben.
Das Leid der Tiere nehmen wir direkt mit unseren Sinnen wahr, das der Pflanzen nicht. Die vor der Schlachtung ausgeschütteten Hormone können durch unsere Körper verwertet werden. Aufgrund dieser Gründe halten wir es ohne Schaden zu nehmen gut aus, von Pflanzen zu leben, nicht jedoch von Tieren. Wohl jeder, der auf vegane Ernährung umgestellt hat, wird die seine Psyche und Emotionalität entlastende Wirkung dessen an sich beobachtet haben. Darüber zu spekulieren, was die Gründe dafür sein mögen ist müßig, bevor man das Erleben nicht durch eigene Umstellung erlebt und genießt. Das Erleben ist überzeugend.
Tiere zu töten, um uns zu ernähren, steigert unsere Achtlosigkeit, Gewaltbereitschaft und unsere Gleichgültigkeit gegen Unterdrückung, Misshandlung und Benachteiligung.
Das Essen von Pflanzen steigert sie nicht.
Hätte ich die dargestellten Erlebnisse nicht gehabt, könnte ich mir sonst eventuell ein Ja zu einem Tiermord unter den in der Frage vorausgesetzten Bedingungen vorstellen. Die Tötung dürfte dann jedoch nicht vor sich gehen, wie in einem biologischen Schlachthof und natürlich gar nicht, wie auf einem konventionellen, auf dem auch die meisten biologisch aufgezogenen Tiere ihr schlimmes Ende finden. Eher wie im Film “Emmas Glück”.
Wenn, dann müsste ich das Tier selber töten. Ich würde es in dem tiefen, dankbaren Bewusstsein tun, dass ich sein Leben bewusst nehmen durfte, während ich es bei den Pflanzen lang nicht so bewusst wahrnehmen kann. Es würde mein Verständnis von meinem Platz in der Welt und davon, was ich den Pflanzen antue, vertiefen, auch wenn es sicher wieder zur Entscheidung zu einer veganen Ernährungsweise führen würde.
Ob ich den Tiermord tatsächlich durchführen könnte, weiß ich nicht. Wie ich danach weiterleben würde, weiß ich auch nicht. Ob es einen zweiten Mord geben könnte, weiß ich nicht. In jedem Fall wäre es für mich kein Triumph, über eine eigene Schwäche gesiegt zu haben, sondern würde einen substanziellen Verlust bedeuten, den ich verarbeiten müsste.
Dass das Essen von Tieren für mich ethisch vertretbar wäre, könnte ich mir sonst nur in einer Notsituation mit der tatsächlichen Gefahr des Verhungerns auf einem absolut unfruchtbaren Landstrich vorstellen, sonst nicht.
Keine meiner Antworten kann jemand aus der gleichen Gemütslage heraus geben, der nicht eine lange, tiefe und bewusste vegetarische oder vegane Phase in seinem Leben erlebt hat. Das daraus resultierende Erleben ist völlig anders und die Antwort wäre für jemand, der das Tierleid nicht so fühlt wie wir, bei aller Bemühung theoretisch und oberflächlich.
Diese Antworten waren mir möglich, weil ich nach mehr als zwanzig Jahren streng vegetarischer Lebensweise wieder anfing, Fleisch zu essen, um anders mit Fleischessern umgehen zu können, als es mir dann nur noch möglich war. Bevor ich wieder Vegetarier und dann Veganer wurde. Meine Fleischphase war der Tatsache geschuldet, dass ich in einer Welt lebe, in der die meisten Menschen (für mich unangenehmerweise) Fleischesser sind.
Ich kann nicht sagen, ob meine in jener Phase Auftrag gegebenen Morde irgendetwas gebracht haben. Vielleicht eine bessere Möglichkeit von Verständnis und Vermittlung. Nicht einmal, ob es das wert war, kann ich sagen, wenn ich die Reaktionen von Fleischessern auf vegane Appelle erlebe. Vielleicht hätte ich einfach andere Freunde und völlig neue Kreise suchen sollen. Selbst meine lange vegetarische Zeit war Ergebnis eigener Ignoranz. Sonst wäre ich damals schon Veganer gewesen. Ich habe seit meinen Anfangszeiten nicht überprüft, welche Grausamkeiten für die Milch- und Eierproduktion usw. nötig sind – auch in der biologischen Landwirtschaft.
Wer sich dafür interessiert, was die Mindeststandards für eine Tierhaltung sein sollten, kann sich gut bei
Bauerngockel.de informieren.
(Der Artikel wird in Kürze noch einmal überarbeitet.)